Galerie Gesellschaft
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Ich denke mir nichts aus, was ist interessanter als die Wirklichkeit?

Gemalte Tatsachen.
Über Heike Ruschmeyers Kunst als »Ort des politischen Handelns«
von Andreas Wessel

Tod durch Gewalt. Dieses eine Thema beherrscht seit mehr als 45 Jahren das Werk der Malerin Heike Ruschmeyer. Keine Blumenstücke, keine lieblichen Landschaften oder gemütlichen Genrebilder, keine abstrakten Farbexperimente oder materialerkundenden Raumverspannungen – keine Deko! Aber, trotz der Selbstauskunft, dass ihre Bilder »Orte des politischen Handels« seien, auch keine politische Agitation, keine Belehrung, keine visuelle Überrumpelung des Betrachters. Die Motivation beim Bildermachen: »Ich wollte immer etwas herausfinden.« Und für den Beschauer wächst die Erkenntnis erst beim sorgfältigen, wissenden Schauen – ohne Erregbarkeit keine Erregung.

Tod durch Gewalt. Jeder gewaltsame Tod ist eine individuelle Tragödie. Jeder gewaltsame Tod ist eine soziale Diagnose. Jeder gewaltsame Tod trägt seine Ursachen in sich, er materialisiert eine Ursachenkette, die bis dahin unsichtbar wirkte.

Heinrich Zille sagte: »Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso töten wie mit einer Axt.« Und Bertolt Brecht ergänzte: »Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Selbstmord treiben, einen in den Krieg führen und so weiter. Einiges davon ist in unserem Staate verboten.« (Buch der Wendungen, um 1934)

Die Wurzel ist gesellschaftliche Ungerechtigkeit: Die in unserer unmittelbaren Umgebung, die sich in Selbsttötung, Kindestötung im erweiterten Suizid oder auch Tod im brennenden Hochhausghetto manifestiert. Und jene entferntere, die der Ausbeutung des globalen Südens, bei dem menschliches Elend und Zerstörung der Natur exportiert werden, deren Folgen die Mehrheitsgesellschaft als Wohlstand verzehrt und gleichzeitig versuchen muss, das schlechte Gewissen und das Wissen um die Konsequenzen zu betäuben. Attentate gegen Ausländer, Migranten, Geflüchtete, kurz ›die Fremden‹, entsprechen natürlich nicht ›unserem Wertesystem‹, aber die Furcht vor den Folgen der exportierten Ausbeutung schwappt zurück in die parlamentarischen Institutionen der Demokratie und bedroht nun nicht nur die Freiheit der Ausgebeuteten.

Heike Ruschmeyer hat den Formenkreis dieser Gewaltketten in unbeirrbarer Arbeit ausformuliert. In den Werken der letzten Jahre hat sie gar eine alte Kunstgattung, die des Historienbildes, wiederbelebt. Hier jedoch sehen wir kein Kondensat eines historischen Vorganges zusammengefasst in einem unhistorischen Augenblick, sondern das Erhellen eines Prozesses aus der malerischen Entwickelung eines fotografischen Augenblickbildes.

Heike Ruschmeyer legt keinen malerischen Schleier, keinen ästhetisierenden Weichzeichner über die fotografischen Vorlagen; sie arbeitet mit Kohle, Stift und Pinsel die allgemeingültige Aussage, das Notwendige in der zufälligen Augenblicksgestalt heraus. Es geht darum, mit der ganz subjektiven Sicht des Malers eine Aussage zu formulieren, die nicht mehr in das rein Bildliche zurückfallen kann. Als realistisches Kunstwerk, also als Einheit subjektiver ästhetischer, rationaler und ethischer Erkenntnis, wirken ihre Bilder objektiv auf die Realität zurück.

Was hinterlässt unsere Zeit für ein Bild? Wenn in fünfhundert oder auch nur einhundert Jahren noch Menschen existieren, die auf unsere Zeit zurückschauen, so können und werden ihnen die Bilder von Heike Ruschmeyer helfen zu verstehen.

(Aus dem Katalog »Heike Ruschmeyer: Tatort, Tatsachen«, Maigalerie der Tageszeitung junge Welt, Verlag 8. Mai, 2022)

Wikipedia

Ausstellung »Wiesengrund«, 2026